Weihnachtspost an den Narzissten

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Weihnachtspost an den Narzissten

Vom letzten Artikel über den Narzissmus habe ich sehr viele Antworten und Nachfragen bekommen. Leider oder man könnte doch sagen, Gott sei Dank, ist das Thema im Moment sehr aktuell dh es wird in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Eine Frau, die viele viele Jahre mit einem Narzissten verheiratet war hat mir einen Brief geschickt, der an den Narzissten adressiert ist. Ich finde, er fasst alles, was an emotionalen Verletzungen von Seiten der Betroffenen und auch an den Langzeitschäden vorhanden ist, recht gut zusammen. Ich werde ihn hier mit ihrer Erlaubnis veröffentlichen. Er ist sehr intim und zeigt, was Narzissmus in den Seelen, Herzen und auch im Körper der Betroffenen anrichtet. Bitte liebe Narzissten, wenn Ihr das lest, lehnt es nicht von Vorhinein ab, lest es mehrere Male und versucht den Schmerz hinter diesen Worten zu verstehen. Vielleicht gelingt es Euch, ein wenig zu reflektieren und auch wenn Ihr nicht die Meister der Empathie seit, so versucht Euch doch in Eure PartnerInnen hineinzuversetzen, ihre Schuhe anzuziehen und einige Meter mit ihnen zu gehen.

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Du bist/warst mein Mann und als solchen habe ich Dich wahrgenommen, geliebt und verstanden. Ich habe uns immer als ein Team sehen wollen, als ein WIR, als zwei, die alles schaffen und gemeinsam durch dick und dünn gehen. Probleme gehören zum Leben und auch zu Beziehungen dazu und ich habe mir, als wir zusammengekommen sind, fest vorgenommen, diese auch gemeinsam zu meistern, bis wir alt sind. Dass Du das ganz anders gesehen hast, ist mir erst viel viel später klar geworden, zu einem Zeitpunkt, als es für mich schon fast zu spät war. Wäre ich nicht gegangen, wäre ich wahrscheinlich irgendwann gestorben. Das klingt dramatisch aber es ist genau so wie es klingt.

Ich habe Dir oft gesagt, wie weh Du mir tust, wie sehr Du mich verletzt, mich demütigst und wie wenig ich von Dir weiß. Ja, Du warst nicht ehrlich zu mir, Du hast mir so viele Jahre etwas vorgespielt, vorgegaukelt und ich habe alles geglaubt weil ich an uns geglaubt habe. Wie sollte ich nicht? Wir haben zusammen gelebt, zusammen geschlafen und waren verheiratet. Sollte man da misstrauisch sein? Vom ersten Tag an? Das wäre doch krank. Aber genauso krank ist Deine Welt, denn genauso hast Du gedacht. Du hast mich kontrolliert, manipuliert, herabgewürdigt, blamiert, mir weh getan und ja, mich auch geschlagen. WARUM? Was habe ich Dir getan? 

Und da ist diese Angst, die in mich hineingekrochen ist. Die Angst vor Dir, vor Deine Worten, Deiner Boshaftigkeit, Angst vor Deinem Blick, die Angst vor dem Leben, die Angst Dinge zu tun.  Sie beherrscht mich, lässt mich nicht schlafen, fesselt mich. Ich werde sie einfach nicht los. Sie beherrscht meine Tage und meine Nächte. Sie ist in mich hineingekrochen und hat sich in mir ausgebreitet.

Ich habe Dir vertraut, meine intimsten Gedanken mit Dir geteilt, mein Leben, meine Familie und meine Freunde. Ich war da für Dich, wenn es Dir nicht gut ging, ich habe für uns das Haus schön gemacht, den Garten, gekocht, eingekauft, immer in der Hoffnung, Du würdest sehen, wie gut es Dir mit mir geht und mich – ja auch dafür lieben. Und wir hatten guten Sex. Am Ende allerdings wollte ich nicht mehr, dass Du mich berührst. Schläge und zärtliche Berührungen vertragen sich nicht. Physische und psychische Gewalt und die Worte »ich liebe dich« vertragen sich nicht. Du warst grausam in allem, in unserem Alltag und am Ende war es nicht mehr zu ertragen. Du hast mir jeden Tag zu verstehen gegeben, wie dumm, unwichtig, unwissend und hässlich ich bin. Dabei bin ich eine schöne Frau. Und ich frage noch immer nach dem WARUM?

Ich habe so sehr an uns geglaubt, ich wollte mit Dir alt werden, nun muss ich es alleine. Nicht lange, nachdem ich gegangen bin, ist schon jemand neues eingezogen bei Dir, hat in unserem Bett geschlafen. Es tut mir nicht weh oder doch, ja es tut weh aber nicht weil da eine andere Frau ist (sie kann ja nix dafür) sondern jemand  einfach meinen Platz eingenommen hat. Ich war austauschbar, wie ein Möbelstück nach so vielen Jahren. Welche liebende Frau wünscht sich das schon?

Dabei habe ich gehofft, dass Du um mich kämpfst, Dich entschuldigst, dass es Dir von Herzen leid tut und dass Du mir Zeit gibst. Viel Zeit. Aber Deine verletzte Eitelkeit hat sofort nach Ersatz gesucht. Schade. Ich wollte, dass du mich von ganzen Herzen um Verzeihung bittest, von Antlitz zu Antlitz, aber das konntest Du nicht, dazu bist Du nicht fähig, denn dann würdest Du ja eingestehen, dass Du Fehler gemacht hast und ein Narzisst macht keine Fehler, er ist perfekt.

Ob ich mich je wieder auf etwas einlassen werde? Ich weiß es nicht. Es gibt genug Männer, die mich schön finden, mir Komplimente machen, mit mir ausgehen wollen und mich zum Essen einladen. Im Moment bin ich nur müde und will mein zerschlagenes Ich wieder zusammenfügen, mich wieder fühlen, wieder Vertrauen in andere und mich zu haben lernen und einfach nur leben. 

Ich wünsche Dir ein schönes Fest und denke dran, ein Mann zu sein bedeutet nicht stark, dominant und kontrollierend zu sein, es bedeutet ehrlich, verletzlich und emphatisch zu sein und das zu schätzen was Du hast. 

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Liebe Mitleser*Innen ein schönes Fest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Gesundheit, Glück und vor allem Kraft und den Glauben an ein besseres Morgen. 

 

 

 

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